“Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.”

buechersofa-uli-ruegner So steht es auf der Karte. Zitat Karl Valentin. So steht es auf der Karte, gefunden in der Wohnung von Uli Rügner.

Er war schon lange tot, als wir, durch die Bemühungen von Mechthild Wagenhoff, im Frühjahr zu viert die Wohnung ausräumen durften, knapp eine Woche im April. Zum 1. Mai sollte die Wohnung dann endgültig durch das „Räumkommande“ der Stadtwerke frei werden.

Was tun wir in einer fremden Wohnung, einer Wohnung, die wir alle nie zuvor betreten haben und die der Uli bewohnt hatte, und er ist schon Monate tot, verbrannt, beerdigt sogar.

Wir haben einen Sortierplan: Was ist für das Kabarett-Archiv in Mainz geeignet, was sind Dokumente, die in Kartons kommen für eine spätere Auswertung, was passiert mit den Büchern, den Schallplatten, den DVDs, den hunderten Video-Kassetten ?

Wir ziehen die Schubladen auf, schauen in Schränke, in Umschläge, Mappen …

Es war, darüber haben wir uns gemeinsam später unterhalten, nicht unangenehm. Die Wohnung war auch nicht „verdreckt“ – in unserer Wahrnehmung. Überall lagen Gegenstände, Blätter, Umschläge herum, aber es war nicht verdreckt. Vielleicht hätte der Vermieter dennoch davon gesprochen: Unrat überall, auf dem Boden, auf den Schränken. Was ist „Unrat“?

Ich mache eine Schublade auf und darin sind geöffnete Briefumschläge, eine Mappe mit Notizen, einzelne Notenblätter, ein Taschenmesser, eine geöffnete Spaghetti-Packung, eine CD ..

Ich ziehe die nächste Schublade auf: Notenblätter, Briefe der Bank, der Krankenkasse, des Finanzamts, Notizen, Rewe-Sammelpunkte („Treuepunkte“), einige Münzen, ein Kochrezept und eine geöffnete Spaghetti-Packung, halb leer ..

Ich ziehe eine weitere Schublade auf: …

Das Prinzip ist verstanden?

Was ich vorfand war eine EIGENE ORDNUNG. Eine Gleichberechtigung der Dinge, Gegenstände auf den ersten Blick, für unseren Blick. Das galt auch für die vielen, vielen VHS-Kassetten. Ca. 500 Stück? Originale, gekaufte von 2001 usw. – Karl Valentin, die Stummfilmstars natürlich … und hunderte Aufzeichnungen von Arte, 3sat: Opernaufführungen, Kulturfeature, Dokumentationen.

Verdinglichen sich unsere Erinnerungen, Bewertungen, wenn wir „seine Dinge“, Ulis Alltagsgegenstände, in die Hand nehmen, abbilden auf einem Foto?

Was gehört zusammen, so wie wir es „zusammen“ vorgefunden haben: Die Zeitschrift „beef“ und die Zeitschrift „Playboy“? Gehört das Buch „Über die Liebe und die Abgründe der Gefühle“ neben das Küchenmesser? Was machen wir „Mit zeitloser Eleganz zu grenzenlosem Genuss“ – die große Sammlung von Treuepunkten, die ihm, Uli und uns jetzt WMF-Qualität besonders vergünstigt versprachen und verspricht ?

Was fangen wir an mit den Zeugnisinformationen, die uns glauben machen, daß Uli beinahe Pfarrer hätte werden können? Nun ja, kirchengeschichtlich hat er 1973 nicht so überzeugt, aber immerhin „Mission“ …

Und die Durchsicht der über 500 VHS-Videokassetten, die lange Liste der Opernaufzeichnungen, der Science-Fiction-Filme, der Geschichtsdokus über den Untergang Roms, den Aufstieg und Untergang der chinesischen Reiche?

Am Ende wissen wir über den Toten Ulrich Rügner mehr, als wir über den lebenden Ulrich Rügner je gewußt haben und oder wissen wollten.

 

Neben den Kisten. Anmerkungen zur Ausräumung der Wohnung des Komponisten, Musikers und Schauspielers Ulrich Rügner im April 2016 von Norbert Saßmannshausen. Die Anmerkungen wurden in ähnlicher Form auf der Veranstaltung  “öffentliche Erinnerung an Ulrich Rügner” im Frankfurter Autoren Theater am 6. November 2016 vorgetragen.


One thought on “Ulrich Rügner: Anmerkungen zur Ausräumung seiner Wohnung im April 2016

  1. Ich erinnere mich gerne an Uli, mit dem ich jahrelang die”LiteraturPerlen” in Oberursel und Bad Homburg aufgeführt habe. Er war ein einfühlsamer Musiker und genügsamer Mensch. Er fehlt mir.
    Manfred Volbers, Friedrichsdorf

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